![]() |
|
Die Veranstaltungsreihe begann am 21. September, an mehrern Tagen wurden
Filme zum Leben in Lagern und zur Ferstung Europa gezeigt. In Kooperation mit
The Voice refugee forum
berichteten Migranten in einer Diskussionsveranstaltung von ihren Erfahrungen
mit der Residenzpflicht und rassistischer Behandlung im Alltag. Das Ende der
Veranstaltungsreihe sollte eine Kundgebung vor dem AsylberwerberInnenheim in
Freibessingen darstellen. Zwei Kilometer entfernt von Freienbessingen liegt die sogenannte
„Waldsiedlung“. Das AsylbewerberInnenheim ist komplett von Wald umgeben, der
nächste Arzt ist 10 km entfernt, das nächste Krankenhaus 30 km. In dieser totalen Abgeschiedenheit müssen Menschen, teilweise seit
über 15 Jahren, leben und das unter völlig unwürdigen
Bedingungen. Die Wasserrohre der Gemeinschaftsduschen sind verrostet, an den
Wänden wachsen Schimmelpilze und auch warmes Wasser ist keine
Selbstverständlichkeit. Doch auch die BewohnerInnen sind voneinander
getrennt, so wohnen die Leute in qualitativ unterschiedlichen
Unterkünften, was als Konzept verstanden werden kann um eine
Solidarisierung untereinander zu verhindern. Mitunter wohnen vierköpfige
Familien zusammengepfercht in einem Raum.
Beschäftigungsmöglichkeiten gibt es kaum und ein Busticket in die
Stadt Sondershausen und zurück kostet 10 Euro. Diese Verhältnisse sind Grund genug, um jenem kleinen Fleck in
Nordthüringen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Gegen 15:00 Uhr fanden sich ca. 40 Menschen auf dem kleinen Platz vor dem
Heim ein. Die in völlig unverhältnismäßig hoher Anzahl
anwesende Polizei, durchsuchte die Kofferräume der ankommenden Fahrzeuge
und streute unter den BewohnerInnen das Gerücht, dass Nazis
demonstrieren wollten. An Stelle der von den Ordnungskräften angekündigten Nazis kamen
Menschen, die die Forderungen der Leute im Heim unterstützen und mit
ihnen für die Schließung des Dschungelheims kämpfen wollen.
Es wurde ein offenes Mikrophon aufgebaut, ein Tisch mit Kuchen und Kaffee
sowie viele Bälle, Reifen und anderes Spielzeug für die Kinder
bereitgestellt. Die Kundgebung wurde mit einem Redebeitrag eröffnet, der sich an die
AsylberwerberInnen im Heim richtete und das Anliegen der Veranstaltung
erläuterte. Das offene Mikrophon wurde rege in Anspruch genommen und die
BewohnerInnen berichteten von den Menschenunwürdigen Verhältnissen
im Heim und über Schickanierungen in der Schule und auf der
Straße. „In der Schule nennen sie mich immer Kanacke [...] was soll
das? Ich bin auch nur ein Mensch.“ erzählte eines der Kinder über
den Schulalltag. Nach kurzer Zeit herrschte reges Treiben am Veranstaltungsort: Leute
unterhielten sich und kamen in Kontakt, spielten Fußball, liefen auf
Stelzen umher oder bedienten sich am Kuchentisch. Die BewohnerInnen des Heims
zeigten sich unter anderem dadurch erkenntlich, dass auch sie den Tisch
weiter mit Essen und Getränken füllten. Zwischendurch nutzte der Clown Peppie das offene Mikrophon um den Kindern
wie auch den Erwachsenen Mut zu machen und mit einigen Tricks und
Kunststücken die gesamte Aufmerksamkeit der Anwesenden zu bekommen. Auch der Rest der Kundegebung die sich eigentlich eher als Party entpuppte
verlief ähnlich ausgelassen und viele, vor allem Kinder fragten „Kommt
ihr bald wieder?“. Obwohl es sehr ermutigend für die teilnehmenden BewohnerInnen war, zu
sehen dass sie nicht vergessen sind, blieb ein großer Teil der
Veranstaltung fern. Eine Frau sagte dass „[...] einige der Leute hier nicht
sie selbst sind [...]“. Das Leben in einem solchen Heim ist
kräftezehrend und viele der Menschen sehen nur wenig Hoffnung oder
versuchen eine Duldung zu erlangen und möglichst wenig aufzufallen um
nicht eventuell abgeschoben zu werden. Dennoch gab es Gespräche zwischen einigen AsylberwerberInnen und den
Angereisten über das weitere Vorgehen zum Dschungelheim. Es ist jetzt vor allem wichtig, Aktionen kontinuierlich fortzusetzen um Das
Thema öffentlich zu machen. In Gesprächen mit den BewohnerInnen
wurde klargemacht, dass niemand die Rolle einer Vertretung für sie
übernehmen kann und will, weil nur die Flüchtlinge und MigrantInnen
selbst ihre Forderungen nach außen tragen können. Deshalb ist eine
funktionierende Kommunikation im Heim selbst wie auch nach Außen eine
wichtige Vorraussetzung für eine erfolgreiche Kampagne mit dem Ziel das
Dschungelheim in Freienbessingen zu schließen. Natürlich ist es nur ein kleiner Schritt im Kampf für
Bewegungsfreiheit auch für Menschen ohne Pass und es gibt noch Tausende
andere Heime und Lager die es zu schließen gilt, deshalb kann auch ein
Erfolg der Kampagne nur als Teilerfolg wahrgenommen werden und muss
fortgesetzt werden. Was haben G8-Gipfel mit Migration zu tun? Wir sehen auf der einen Seite globale Flüchtlingsströme, illegale
Einwanderung und
Integrationsunwillige, auf der anderen Seite Beratungen zwischen den
mächtigsten Industriestaaten der Erde. Beratungen über
Weltwirtschaft und
Krieg, Terrorismus und Armut. Und über Flucht. Wagen wir einen Blickwechsel und fragen, wovor Menschen flüchten: Sie
flüchten
vor Krieg – wie im Kongo, wo deutsche Truppen die Rohstoffzufuhr für
deutsche
Firmen sichern. Sie flüchten vor Armut wie auf dem drittel der Welt, wo
noch
nicht einmal die Nahrungsmittelsicherheit auf Dauer gewährleistet ist und
wo
doch das Soja für europäische und nordamerikanische Rinder herkommt.
Sie
flüchten vor Terrorregimes, die vom Westen gestützt werden, weil
sich so der
Zugriff auf die Ressourcen der Länder aufrecht erhalten lässt. Sie flüchten vor Verhältnissen, die ihren Ursprung in den reichen
Ländern des
Nordens haben oder zumindest von dort aus gestützt werden. Wenn sie flüchten und es bis Europa schaffen, stehen sie vor
Grenzbefestigungen, die einen ganzen Kontinent in eine No-Go-Area verwandelt.
Mit Nachtsichtgeräten, CO2-Spürern, einem Heer von
Grenzsschutztruppen und mit
der Unterstützung von rassistischen Bürgerwehren wird die Festung
Europa
dicht gemacht. Wer es in die EU schafft, ohne zu ertrinken, lebt unter einer Reihe
repressiver Maßnahmen – Residenzpflicht, Unterbringung in Heimen,
Sozialleistungen unter dem Niveau, daß für Deutsche als
Lebensminimum gilt
und in letzter Konsequenz Abschiebung oder Illegalisierung. Der mit diesen Maßnahmen einhergehende illegale Status ganzer
Migrantengruppen
erfüllt noch seinen ökonomischen Zweck. Denn die illegal lebende Putzfrau ist allemal billiger als eine legal und
sozialversichert beschäftigte.
Sie ist eine billige austauschbare Arbeitskräfte und kann überdies
noch als
Sündenbock für Lohnkürzungen und Sozialabbau herhalten.
So werden alle nach ökonomischer Verwertbarkeit sortiert: Die illegale
Putzfrau in den Professorenhaushalt, der indische Computer-Spezialist an den
Schreibtisch und die vielen namenlosen Flüchtlinge, die nichts
können, was
ausreichend verwertbar ist werden abgeschoben, wenn sie nicht schon auf dem
Weg in die EU ertrunken sind. Die G8 sind nicht die finsteren Strippenzieher, die hinter all diesem Elend
stehen und sich ins Fäustchen lachen, wenn wieder ein Boot mit
Flüchtlingen
im Mittelmeer untergeht.
Aber sie repräsentieren das kapitalistische System, dass diese
Verhältnisse
als Erbe des Kolonialismus hervorgebracht hat und das täglich von ihnen
profitiert. Die Bauherren der Festung Europa und der US-amerikanischen Abschottung
gegen
Südamerika sind es, die sich im nächsten Jahr in Heiligendamm zum
G8-Gipfel
treffen und in einer großen Propagandashow demonstrieren, daß sie
sich um die
Probleme des Planeten kümmern. Daß es im Rahmen von Nationalstaaten und Kapitalismus keine
menschliche Lösung
für den Umgang mit Flüchtlingen gibt, ist klar. Das Thema Migration und die damit verbundenen Forderung nach einem
Bleiberecht und Bewegungsfreiheit für alle, wird bei den Protesten gegen
den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm eine zentrale Rolle spielen, so wird es
zum Beispiel auch einen Aktionstag zu Migration geben. Deswegen rufen wir
auf, nach Heiligendamm zu fahren und gegen dieses
unmenschliche System den Widerstand auf die Straße zu tragen. |
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||